#1

Nietzsches „schädliches Mitleid“

in Alles rd. um Familie, Jugend, Kriminalität, Gesetze, Sozialstaat uvm 06.01.2018 15:46
von Anthea | 12.377 Beiträge

Oder herumreiten auf der Welle der Hilfsbereitschaft.

Nietzsche meinte, verkürzt gesagt, dass MITleiden das Leid in der Welt vermehren würde. Wenn man darüber nachdenkt, ist das ganz logisch. Ich gehe „mit“ dir, das kann man, so es um einen Weg geht. Aber „ich leide mit dir“ ist insofern nicht möglich, da es ganz subjektive Befindlichkeiten sind, die ein anderer gar nicht in gleicher Form mitfühlen/mitempfinden kann. Man kann nur wissen, erspüren, empathisch sein in der Form, dass man um Schlimmes weiß, unter dem ein anderer zu leiden hat. Man kann jedoch keinesfalls ihm dieses abnehmen. Somit ist „mitleiden“ einfach zu hoch gegriffen. Man kann sagen: Ich kann mir vorstellen, dass du unter diesem/jenem leidest und es tut mir leid. Ich bedauere, dass es dir nicht wohl ergeht… So oder ähnlich. Ich kann dir all das nicht wegnehmen. Ich kann nur versuchen, es dir erträglicher zu machen. Alleine aufgrund deines Wissens darum, dass man dich nicht im Stich lässt.

Ich habe große Hochachtung vor hilfsbereiten Menschen, die dort anpacken, wo Hilfe vonnöten ist. Wobei ich bei den vielen ehrenamtlichen Helfern bin, die meinen vollen Respekt besitzen!
Und dann komme ich zu den „Verdienern“ an der Hilfsbereitschaft.

Es war vor Jahren vielfach Usus, in beinahe jeder Talkshow, die sich mit „sozialen Themen“ o.ä. befasste, in den Kreis der Erlauchten aus Wirtschaft und Politik ein(en) No name aus dem Publikum hinzuzubitten. Dieser er/oder sie, oftmals arbeitslos oder Rentner, teilte dann mit, wie glücklich er/sie doch sei, Gutes tun zu können. Ja zu „dürfen“. Unentgeltlich natürlich. Und wenn dann ein Klerikaler oder besonderer „Frömmling“ in der Runde saß, bekam der/diejenige Lob in den höchsten Tönen. Und da kam mir oft der Kaffee vom Vortage hoch…

Denn es gibt eine Reihe an Stellen – und oft in „kirchlichen“ Einrichtungen - die besetzt werden müssen - die eigentlich vollwertige Arbeitsstellen sind. Wo aber man sich lieber der preisgünstigen Variante der „Freiwilligen“, sprich: Ehrenamtlichen bedient. Aber so lange sich Menschen „am Bauch gepinselt“ fühlen, wenn ihnen ein mit Null dotierter Job angeboten wird, so lange wird es keine Änderung geben. Und keiner der Zahlungsfähigen wird eine Bezahlung in Erwägung ziehen.

Wäre es nicht richtig, dass, so Ehrenamtler eingesetzt werden, die entsprechende Institution einen Nachweis erbringen müsste, dass tatsächlich keine Gelder vorhanden sind?

Ich finde es wirklich beachtlich und achtenswert, um das noch einmal zu wiederholen, wie viele freiwillige Helfer es gibt, wenn Not am Mann ist! Aber ich hasse Ausnutzung. Und da, so glaube ich, liegt vieles im Argen.

Ich habe diesen Beitrag trotz des philosophischen Aufmachers in "Gesellschaft" gebracht. Weil es ein vielfältiges Thema is. Stichwort: Ausnutzung und Profitgier. Pharisäertum und Menschlichkeitsheuchelei. Und um Positiven auch Gegenteiliges.

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Ist das, was das Herz glaubt, nicht genau so wahr wie das, was das Auge sieht? Khalil Gibran
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#2

RE: Nietzsches „schädliches Mitleid“

in Alles rd. um Familie, Jugend, Kriminalität, Gesetze, Sozialstaat uvm 07.01.2018 10:44
von sagittarius (gelöscht)
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Die Zeiten haben sich geändert.Nach dem man in den politischen Zirkeln beschlossen hat den Sozialstaat in einen Suppenküchenstaat umzuwandeln,wo soziale Fragen auf das Engagement von Freiwilligen abgeladen wurden,bedarf es der aktiven Gestaltung dieses Themas durch den Staat nicht mehr.Zudem hat man sehr erfolgreich,wie ich meine,die Ursachen für prekäre Verhältnisse dem einzelnen Betroffenen zugewiesen.Damit ist man fein raus,nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse,die Wirtschaft oder unser Wirtschaftssystem sind verantwortlich für Armut und Bildungsferne von Teilen der Bevölkerung sondern der Einzelne.Dieses Mantra vernehme ich seit dem Sieg der neoliberalen Revolution,die allerdings bereits den Keim des Scheiterns in sich trägt.Weshalb also Geld in die Hand nehmen,was an der Börse ja viel gewinnbringender angelegt werden kann,wenn man sich zurücklehnen und dafür auf freiwillige Helfer setzen kann.Man fühlt sich im Gegenteil doch sehr erhaben wenn man ab und an einige Almosen verteilt,die man vorher auf einem Festbankett bei Champus und Kaviar eingesammelt hat.Das wird dann bei Bild und co ausreichend gewürdigt damit die potentiellen Empfänger der Almosen auch die entsprechende Dankbarkeit entwickeln.


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#3

RE: Nietzsches „schädliches Mitleid“

in Alles rd. um Familie, Jugend, Kriminalität, Gesetze, Sozialstaat uvm 07.01.2018 10:59
von Anthea | 12.377 Beiträge

Zitat von sagittarius im Beitrag #2
Die Zeiten haben sich geändert.Nach dem man in den politischen Zirkeln beschlossen hat den Sozialstaat in einen Suppenküchenstaat umzuwandeln,wo soziale Fragen auf das Engagement von Freiwilligen abgeladen wurden,bedarf es der aktiven Gestaltung dieses Themas durch den Staat nicht mehr.Zudem hat man sehr erfolgreich,wie ich meine,die Ursachen für prekäre Verhältnisse dem einzelnen Betroffenen zugewiesen.Damit ist man fein raus,nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse,die Wirtschaft oder unser Wirtschaftssystem sind verantwortlich für Armut und Bildungsferne von Teilen der Bevölkerung sondern der Einzelne.Dieses Mantra vernehme ich seit dem Sieg der neoliberalen Revolution,die allerdings bereits den Keim des Scheiterns in sich trägt.Weshalb also Geld in die Hand nehmen,was an der Börse ja viel gewinnbringender angelegt werden kann,wenn man sich zurücklehnen und dafür auf freiwillige Helfer setzen kann.Man fühlt sich im Gegenteil doch sehr erhaben wenn man ab und an einige Almosen verteilt,die man vorher auf einem Festbankett bei Champus und Kaviar eingesammelt hat.Das wird dann bei Bild und co ausreichend gewürdigt damit die potentiellen Empfänger der Almosen auch die entsprechende Dankbarkeit entwickeln.


Ich habe schon vor Jahren mich über den "Beruf" von "Charity Ladies" u.ä. echauffiert. Mildtätig gucken, Spenden einsammeln, denn die Leute stiften gerne für ein Los, wo sie etwas Teures gewinnen können... Und wenn man diese dann später fragt, was denn das Thema der Wohltätigkeit gewesen sei, bzw. wohin denn die Gelder gehen würden.... Ratlosigkeitl

Und was das Versagen des Staates in Bezug auf Armut und dem Einhalt gebieten resp. des Regulierens der immer weiter auseinanderklaffenden Schere der Unterschiede zwischen arm und reich anbelangt, da hat sich offenbar in Richtung "nach unten" Zynismus breit gemacht. Der Art: Helft euch selbst, dann hilft euch Gott.... ;-(
Das ist dann die Stelle, wo gute und hilfsbereite Menschen nicht mehr zusehen wollen. So wurde auch mehr oder weniger das "Ehrenamt" geboren.

Vormals eines von "Oberen" ausgeübtes. Die es sich leisten konnten und was ihrem Image gut tat, so sie sich um Bedürtige kümmerten. Jetzt jedoch oftmals und mehr untereinander, denn die "helfenden Hände könnten oftmals selbst Gelder gebrauchen, die man in diese hineintut. Und das ist Ausnutzung. Und die Betroffenen sind dann dankbar, wenn man ihnen ein paar gute Worte widmet.

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