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Wie uns ein Schweizer deutsche Leitkultur erklärt

in Deutschland 10.09.2017 17:22
von Till (gelöscht)
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Eric Gujer, Chefredakteur der NZZ, erklärt uns deutsche Leitkultur.

Zitat
"Im Umgang mit einer anderen Religion muss man aussprechen, was Sache ist. Eine Leitkultur zu leben, ist kein Akt von Fremdenfeindlichkeit, sondern eine Selbstverständlichkeit."

Na, da lässt er ja gleich zu Anfang die Katze aus dem Sack. Allerdings ist er ein bisschen feige, statt von "Islam" vage von "Religion" zu sprechen. So könnte man meinen, er spricht auch von Judentum oder Hinduismus.

Zitat
"Es genügt nicht, von Migranten zu verlangen, dass sie sich an die Werte der Verfassung halten und ordentlich Steuern zahlen. Der frühere Bundesinnenminister Hermann Höcherl sagte, man könne «nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen». Richtig daran ist, dass die Verfassung viel zu abstrakt ist, als dass sie das Zusammenleben von Menschen im Alltag regeln könnte. Einwanderer aus fremden Kulturen benötigen eine praktische Richtschnur dazu, was toleriert wird und was nicht. Nichts anderes ist eine Leitkultur."

Niemand misst die Handlungen eines Bürgers an der Verfassung, sondern immer an den Gesetzen eines Landes. Gesetze bestimmen, was toleriert wird und was nicht. Dass sich alle Bürger (nicht nur Migranten) an die Gesetze eines Landes halten müssen (wobei Gesetze nicht in Stein gemeißelt sind), ist allerdings so trivial, dass niemand, nicht einmal die CDU, auf die Idee kam, unsere Gesetze als die "deutsche Leitkultur" zu definieren. Gerne hätte ich aber in diesem Zusammenhang Herrn Gujers Meinung über Steuerhinterziehung (bzw. Beihilfe dazu) erfahren.

Zitat
"Die Bertelsmann-Stiftung definiert in einer Studie Integration so: Teilhabe-Chancen plus Pluralität auf Basis der Verfassung. Die Stiftung macht es sich damit zu bequem. Wer keine konkreten Erwartungen formuliert, sondern es bei abstrakten Prinzipien belässt, scheut die Auseinandersetzung. Auch die Einwanderer laufen nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herum. Welches Verhalten akzeptabel ist, verstehen sie daher nur, wenn man sie immer wieder in geeigneter Form darauf hinweist. Sonst verkommt Pluralismus schnell zum postmodernen «anything goes»."

Teilhabe-Chancen plus Pluralität auf Basis der Verfassung ist eine Vorgabe, die der Staat zu leisten hat und nicht seine Bürger, schon gar nicht die Migranten. Hier hat Herr Gujer schon wieder nicht Sinn und Zweck einer Verfassung verstanden. Leider definiert er nicht, was für ihn Pluralismus ist. "Anything goes", natürlich im Rahmen der Gesetze, ist auf jeden Fall das, was jeder bei uns unter persönlicher Freiheit versteht.

Zitat
"Wer den Begriff Leitkultur scheut, leistet einem gefährlichen Zerrbild von Integration Vorschub. Noch einmal die Bertelsmann-Stiftung: «Wir verstehen unter Integration nicht die Assimilation an eine wie auch immer geartete Leitkultur.» Natürlich müssen sich Einwanderer assimilieren, also Deutsch lernen und sich in Alltagssituationen (auf dem Amt, beim Arzt und in der Schule) wie Deutsche verhalten. Sonst leben die Migranten in virtuellen Räumen und gedanklichen Enklaven, in denen sie einfach die Kultur ihres Heimatlandes weiterleben. Das ist der Beginn von Parallelgesellschaften. Wer sich nicht von einer Ärztin behandeln lässt oder sich weigert, einer Lehrerin die Hand zu geben, wer also schon in den kleinen Dingen die ihn aufnehmende Gesellschaft zurückweist, wird auch die grossen Dinge wie Pluralismus und Verfassung ablehnen."

Deutsch lernen und sich an Gesetze halten - das ist Integration. Wenn Herr Gujer hier seine völlig eigene Definition von Assimilation hat, wird eine Diskussion natürlich schwierig. Wie sich ein Deutscher "auf dem Amt, beim Arzt und in der Schule" verhält, sagt uns Herr Gujer leider nicht. Auf Ämtern erwarte ich eine freundliche Behandlung, aber keinen Handschlag. Auch deutsche Männer haben zuweilen Probleme, sich von einer Urologin behandeln zu lassen. Und ich kann mich nicht erinnern, dass es während meiner Schulzeit zum täglichen Usus gehörte, meinen Lehrern die Hand zu geben. Es gibt natürlich ein Verhalten, das man als "gute Erziehung" bezeichnen würde; offenbar stellt Herr Gujer in dieser Hinsicht an Migranten höhere Ansprüche als an Deutsche. Lustig ist Herrn Gujers letzter Satz : "Wer also schon in den kleinen Dingen die ihn aufnehmende Gesellschaft zurückweist, wird auch die grossen Dinge wie Pluralismus und Verfassung ablehnen". Verfassung lassen wir jetzt mal endlich außen vor. Aber dass er "Parallelgesellschaften" ablehnt und gleichzeitig "Pluralismus" bejaht, ist schon ein gekonnter geistiger Salto mortale.

Zitat
"Assimilation bedeutet nicht, sein früheres Leben zu verleugnen. Jeder Mensch, der sich in der Fremde niederlässt, nimmt seine Erfahrungen, Traditionen und Normen mit. Aber er muss sie in Einklang bringen mit den neuen Regeln. Er muss lernen, mit unterschiedlichen Identitäten zurechtzukommen, sie im besten Fall in seiner Person verschmelzen. In der Assimilation entsteht also etwas Drittes – geprägt von der vormaligen Existenz wie vom Leben in der neuen Heimat. Eine starke Leitkultur hilft dabei, die verschiedenen Facetten zu sortieren, Prioritäten zu setzen und die unvermeidlichen Widersprüche auszuhalten."

Tja, was darf ein assimilierter Migrant noch? Seinen Geburtsort behalten? Seine Religion? Da wird's schon schwieriger. Dürfen Muslime Moscheen mit Minarett bauen? Unser Grundgesetz sagt dazu ja. In der Schweiz ist es sicher einfacher, dergleichen mit Hinweis auf Leitkultur zu verhindern. Und was ist das Dritte, was sich da bildet? Eine deutsch sprechende Muslima mit Kopftuch, die die Tagesschau-Nachrichten verkündet und in einer katholischen Kirche betet? Machen wir uns doch nichts vor: Von den Hardcore-Verfechtern einer deutschen Leitkultur wird jedes Jota, das davon abweicht, abgelehnt.

Zitat
"Gefährlich wird es, wenn sich die Identitäten nicht zu einem gefestigten Ich zusammenfügen. Die jungen Muslime, die aus Frankreich, Belgien oder Deutschland nach Syrien in den Jihad ziehen oder Attentate begehen, haben zuvor meist einen Identitätskonflikt durchlitten. Sie fühlten sich weder als Franzosen, Belgier oder Deutsche noch als Bürger der Staaten, aus denen ihre Eltern zugewandert sind. Unter ihnen sind labile Persönlichkeiten, die Drogen genommen hatten und straffällig geworden waren, bevor ihnen der radikale Islam Orientierung bot. Sie waren in einem Niemandsland gefangen, und dies im ganz wörtlichen Sinn. Denn in den Banlieues von Paris und Brüssel oder in manchen deutschen Strassenzügen hat es der Staat längst aufgegeben, seine Normen durchzusetzen. Hier gelten die Gesetze des Clans und die Urteilssprüche muslimischer Friedensrichter. Nichts ist anstrengender und verwirrender, als dauerhaft in Welten leben zu müssen, die nichts miteinander zu tun haben. Eine Leitkultur ist daher eine zentrale Voraussetzung für eine gelungene Integration."

Labile Persönlichkeiten, Drogenabhängige und Straftäter sind immer eine Gefahr oder Belastung, egal ob Deutsche oder Ausländer. Wenn sich junge Migranten nicht als Deutsche fühlen, dann oft genug, weil ihnen von ihrem Umfeld unmissverständlich klar gemacht wird, dass sie nie "richtige" Deutsche sein werden. Einer Gettobildung vorzubeugen und Recht und Gesetz durchzusetzen ist Aufgabe des Staates; das hat allerdings nichts mit Leitkultur zu tun. Wenn der Staat unter bestimmten Bedingungen Entscheidungen von Schiedsgerichten, auch muslimischen, duldet, ist das kein Verstoß gegen eine wie auch immer geartete Leitkultur.

Zitat
"Für Deutschland ist das Problem der Identitätsbildung alles andere als eine akademische Frage. Im Jahr 2015 kam knapp eine Million meist muslimischer Einwanderer ins Land, unter ihnen viele entwurzelte junge Männer, die kein sinnvolles Leben führen können. Sie vegetieren in Flüchtlingsunterkünften dahin und warten darauf, welches Schicksal ihnen eine undurchschaubare Asylbürokratie zuweist. Der Attentäter von Ansbach, der eine Bombe zündete, und der Attentäter von Hamburg, der in einem Supermarkt einen Kunden erstach, waren solche jungen Männer. Halt finden sie am ehesten in einer sinnvollen Tätigkeit und einer regelrechten Reedukation. Diese Nacherziehung ist nicht blosser Spracherwerb, sondern eine umfassende Aufgabe – jedenfalls mehr als der Verweis auf die in Deutschland herrschende Pluralität."

Bei den Attentätern von Ansbach und Hamburg handelte es sich um abgelehnte Asylbewerber, die wegen Krankheit bzw. fehlender Papiere zunächst geduldet wurden. Herr Gujer möchte offenbar, dass jeder, der zu uns kommt, ein dauerhaftes Bleiberecht hat und sofort Ausbildung und Arbeit bekommt. Dagegen bin ich sogar. Aber dass zu einer gelungenen Integration auch Ausbildung und Arbeit gehört, ist wieder so trivial, dass man darüber nicht diskutieren muss.


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