#1

Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 21.06.2017 20:55
von Luftdrache (gelöscht)
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Einst mit Platos Akademie angefangen, im Mittelalter in den Klosterschulen beheimatet und 1763 mit der preußischen Schulpflicht Allgemein geworden, beschäftigte die Bildung alle Generationen der Menschheit (Timeline zur „modernen“ Bildung: http://www.bpb.de/fsd/timeline/bildungssystem/index.html).
Neben dem allgemeinen Schulwesen und vor allem den Dorfschulen gab es bereits im Mittelalter Universitäten und ab 1871 erste berufsbildende Schulen. Gymnasium (Lateinschulen) und Volksschulen fanden 1910 durch die Mittelschule Ergänzung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts fand das Realgymnasium mit seiner naturwissenschaftlichen oder neusprachigen Ausrichtung seinen Platz neben dem klassischen Gymnasium. Die folgenden 1920er Jahre waren geprägt durch Versuche mit alternativen Schulmodellen. Es war die Zeit der Reformpädagogik.

Nach dem zweiten Weltkrieg bildete sich die heute bekannte Struktur des Schulwesens heraus. Die Länder wurden für die Bildung zuständig und 1949 gründete sich die Kultusministerkonferenz. Seit 1968 ergänzt die Fachhochschule das Hochschulwesen. 1973 folgten die Gesamtschulen als Alternative zum dreigliedrigen Schulwesen. In den 1990ern entwickelten sich mit Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes Kindergärten von der reinen Betreuungseinrichung weiter zu einer explizit auch Bildungseinrichtung.
Der Pisa-Schock und die von der UN festgestellte Ungleichheit im deutschen Bildungswesen führten zu ersten Ansätzen eines nur zweigliedrigen Schulsystems (Stadtteilschule / Gymnasium), jedoch nicht zu größeren Reformen.
Ein „Reformbedarf“ des Schulwesens besteht weiter von Bayern bis Mecklemburg-Vorpommern.

Es stellen sich viele Fragen. Unter anderem die folgenden als Leitfragen für die Diskussion:

  • Welcher Bildungsbegriff sollte das Schulwesen prägen? Geht es um die Aneignung von Fertigkeiten für den Beruf, geht es um den humanistischen Bildungsbegriff Humboldt's oder geht es um einen anderen Bildungsbegriff?
  • Sollte die Gesamtschule Regelschule werden?
  • Wie gestalten sich gute Übergänge zwischen allgemein- und berufsbildenden Schulen?
  • Ist die Lehrerausbildung an den Universitäten noch auf der Höhe der Zeit? Warum gibt es im Verhältnis noch so viel Frontalunterricht in den Schulen?
  • Welche Rolle sollten die verschiedenen alternativen Schulformen im Bildungswesens spielen?
  • Ist das Bildungswesen ausreichend finanziert?
  • Was benötigt ein zukunftsfähiges und sozial gerechtes Bildungswesen?



zuletzt bearbeitet 21.06.2017 20:58 | nach oben springen

#2

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 21.06.2017 22:00
von moorhuhn | 1.486 Beiträge

"Warum gibt es im Verhältnis noch so viel Frontalunterricht in den Schulen?"

Auf welche Zahlen berufen Sie sich?
Welche Nachteile hat aus Ihrer Sicht Frontalunterricht?


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#3

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 21.06.2017 22:33
von Luftdrache (gelöscht)
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Die Nachteile des "Systems Schule" und des Frontalunterrichts greifen in den letzten Jahren zunehmend die Neurowissenschaften als Thema auf. Die Neurowissenschaften können inzwischen mehr über die Funktion des menschlichen Gehirns erklären und können belegen, dass das Gehirn vor allem über die Methode Nachahmung lernt.
Gerade der Frontalunterricht widerspricht völlig dieser Art des menschlichen Gehirns zu lernen. Selbst der Bildungswissenschaft selbst ist es nicht verborgen geblieben, dass die Verbindung von Sehen, Hören und Handeln im Unterricht die Aufnahme von Unterrichtsstoff deutlich erleichtert (Lerntypen usw.).

Ich mag den Frontalunterricht nicht an Zahlen festmachen. Bei Durchsicht der Modulbeschreibungen für das Lehramts-Studium fällt einfach auf, dass andere Unterrichtsmethoden einen eher untergeordneten Stellenwert zu haben scheinen.


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#4

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 21.06.2017 23:08
von moorhuhn | 1.486 Beiträge

"Bei Durchsicht der Modulbeschreibungen für das Lehramts-Studium fällt einfach auf, dass andere Unterrichtsmethoden einen eher untergeordneten Stellenwert zu haben scheinen."

Ich kenne jetzt das Bundesland nicht, aus dem diese Beschreibungen stammen. Als Mentorin für Referendare und Praktikanten in Sachsen habe ich die Erfahrung gemacht, dass im Studium selbst Methodik eine sehr untergeordnete Rolle spielt, in der praktischen Ausbildung dafür umso mehr. Hier halten sich die Unterrichtsformen die Waage, für jede Gruppen-oder Projektarbeit ist ein gewisses Maß an Frontalunterricht zwingend notwendig, ob in der Vor-oder Nachbereitung, das kommt auf das Thema an. Ich bin ein Fan von offenen Lernformen, allerdings muss man das Verhältnis von Aufwand und Nutzen auch im Blick haben.
Damit erweitert sich das Thema auf andere von Ihnen aufgeführte Fragen. Ein qualitätsorientierter Projektunterricht erfordert sehr umfangreiche Rahmenbedingungen, materiell und strukturell. In Sachsen liegt der Klassenteiler bei 28 Schülern, für jeden Schüler stehen pro Schuljahr 75 € Materialkosten zur Verfügung, im Durchschnitt verfügen unsere Schulgebäude über ca. 30 Computerarbeitsplätze (Schülerzahl 700-1000). Insofern ist aus meiner Sicht Ihre Frage, ob Bildung ausreichend finanziell gefördert wird mit nein zu beantworten, mal abgesehen davon, dass verstärkter Frontalunterricht dabei die geringste Konsequenz ist.


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#5

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 21.06.2017 23:17
von Luftdrache (gelöscht)
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Das stimmt sicherlich. Beim lesen hat sich mir gerade ebenso die Frage der Finanzierung und Ausstattung unseres Bildungswesens aufgedrängt. Bildung kostet.
Zum Begriff "qualitätsorientierter Projektunterricht", wie würdest du den Begriff mit Leben füllen? Ich habe beim lesen eine Idee, was gemeint ist, aber nichts desto trotz bleibt dies ein Schlagwort und noch kein Konzept. Und folgend: Was würde an Ausstattung der Schule den hierfür gebraucht?

Zum anderen scheinst du weitere drängende Probleme aufgrund der schlechten Ausstattung der Schulen zu sehen.


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#6

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 21.06.2017 23:52
von moorhuhn | 1.486 Beiträge

"qualitätsorientierter Projektunterricht" oder auch offener Unterricht (gibt es sehr viele Varianten) defininiert sich zunächst über das für alle Unterrichtsformen geltende wkw- Modell: Wissen- Kennen-Werten. Im Unterschied zum Frontalunterricht wird die Komponente Wissen durch selbständige Recherche der Schüler meist in Kleingruppen erarbeitet. Dies geschieht auf der Basis von konkreten Aufträgen, Ergebnisse sind wiederrum in bestimmten Formen zu sichern. In dieser Phase wird Material gebraucht (Netzrecherchen, Arbeitsblätter, weiterführende Literatur etc), je nach Thema auch viel mehr Zeit für die Bearbeitung als beim Frontalunterricht. In Phase 2 geht es darum, dass Einzelergebnisse im Plenum vorgetragen werden, auf dass alle Schüler am Ende die behandeltenden Sachverhalte kennen. Schwierigkeit: Verständnis muss oft vom Lehrer "nachgesichert" werden, Zeitumfang. Phase 3 mündet in die Diskussion bzw. in die Meinungsbildung über das bearbeitete Thema, was bei 28 Schülern ebenfalls sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und trotzdem niemals alle zur Anhörung kommen.
Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass nur ein bestimmtes Wochenstundenvolumen in den einzelnen Fächern zur Verfügung steht, in denen aber ein Jahreslehrplan erfüllt werden muss. Dies hat besondere Bedeutung in der Oberstufe, da sich die Prüfungsthemen auf den Lehrplan beziehen. Insofern wären wir bei der nächsten Frage, welche Inhalte sollte ein modernes Bildungswesen einfordern. Aber dazu nehme ich heute nicht mehr Stellung, ausgeschlafene Lehrer braucht das Land.


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#7

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 22.06.2017 17:58
von Luftdrache (gelöscht)
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Ich hoffe, dass du dich gut ausruhen konntest und sich vielleicht auch noch weitere Leser an unserer Diskussion beteiligen. Im Augenblick scheinen wir hier ja einen Dialog zu führen.

Den Aufwand für einen qualitätsorientierten Projektunterricht bzw. offenen Unterricht würde ich nicht als Argument für Frontalunterricht werten, sondern eher als ein Argument für kleinere Klassengrößen! Ich verstehe wohl, dass die größen Klassengrößen eine Herausforderung für allgemein Lehrer sind.
Die Nachsicherung der Unterrichtsergebnisse sehe ich weniger als Argument. Gerade der Frontalunterricht gibt keine Garantie, dass das Gelernte verstanden wird. Und ebenso keine Garantie, dass kein Schüler im Unterricht fehlt. Kurz: Nachsicherung betrifft genau so die Unterrichtsmethode Frontalunterricht.

Ansonsten bleibt z.B. auch der Vergleich mit alternativen Schulangeboten. Es ist z.B. belegt, dass Schüler von Montessori-Schulen in Mathematik und Naturwissenschaften einen deutlichen Vorsprung vor Schülern in allgemeinbildenden Regelschulen haben.
Dies relativiert irgendwo auch ein wenig die Frage nach dem Wochenstundenvolumen in den Fächern und dem Jahresplan.

Was braucht ein modernes Bildungswesen? Ich hoffe, gelegentlich mehr von dir dazu zu hören



zuletzt bearbeitet 22.06.2017 18:07 | nach oben springen

#8

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 22.06.2017 21:20
von moorhuhn | 1.486 Beiträge

Jo, ausgeruht bin ich auf Exkursion gegangen- ganz im Sinne des offenen Unterrichts, lach.
Ich picke mir mal ein paar Punkte deiner Antwort raus, die auch weiter führen in angrenzende Problemfelder unseres Bildungssystems.
Vorab, ich hatte jetzt fast ein Jahr Zeit, mich gelassen und genordet mit diesen zu befassen. Ich gehe mal nicht davon aus, dass du "vom Fach" bist, und mehr aus der Vogelperspektive spezifische Sachverhalte aus Didaktik, Methodik und Schulpolitik betrachtest. Dies wäre vor einem Jahr für mich noch ein Grund gewesen, unsere Unterhaltung abzubrechen, heute sehe ich das anders. Es ist mitunter ganz gut, neutrale Meinungen zu hören, um sich selbst den Druck zu nehmen. ich weiß, was ich kann und sehe mich nicht in einer Rechtfertigungsposition. Deshalb möge man man meine Einlassungen auch nicht so verstehen
Der Aufwand für einen qualitätsorientierten Projektunterricht bzw. offenen Unterricht ist schon ein Kriterium/Argument für die Entscheidung dafür oder für den Frontalunterricht. Jeder Lernbereich/jedes Thema hat ein Ziel in den Bereichen Wissen, Sozialkompetenz und wissenschaftlichen Fähigkeiten. Ich schrieb es bereits, dass bei diesen Zielen genaue Vorgaben seitens des Gesetzgebers die Rahmenrichtlinien bilden.
Ein Konzept für ein Unterrichtsthema, das im Frontalunterricht entwickelt wird, braucht definitiv weniger Zeit und Aufwand als in offener Form, wobei ich schon immer die Mischform favorisiere, welche im übrigen auch Berufseinsteigern im Referendariat oder in den Praktikas vermittelt wird. Insofern ist die Wahrnehmung, dass Frontalunterricht offenen Lernmethoden den Rang abläuft noch zu beweisen. Ich unterrichte seit Jahren im Blockunterricht- 90 Minuten, die geprägt sind von zahlreichen Methoden, je nach pädagogischem Ziel. Und eines muss man immer bedenken, egal, welche Methode angewandt wird, alle Schüler werden am Ende nie schlauer sein, eine Erkenntnis, die man nur verstehen kann, wenn man dicht am Geschehen dran ist und realistische Gegebenheiten akzeptiert.
Dennoch würde ich mir für ein modernes Bildungssystem einige Veränderungen wünschen:
1.Gezielte und differenzierte Schulformen schaffen und mit fähigem Personal ausstatten- was nützt der Ruf nach Inklusion und Integration, wenn sich der Autist und der ADHS- Schüler zusammen mit weiteren 26 Schülern über den Schultag quälen, weil eine "normal" ausgebildete Lehrkraft keine Chance hat, sich auch nur um die Hälfte der Kinder individuell zu kümmern!
2. Entschlackung der Lehrpläne und Schwerpunkt setzen auf politische und ethisch, moralische Bildung. Ist nicht gewollt, Ethik ist in Klasse 5 und 6 ein Ein-Stundenfach, danach 2 Stunden, politische Bildung beginnt in Klasse 9 mit 2 Wochenstunden. Ca. 50% meines Unterrichts verbringe ich aber damit, Sozialarbeit zu leisten.
In der Oberstufe lernen unsere Kinder, wie Gedichte interpretiert werden und dass Goethe in Italien weilte, nicht aber, wie man einen Brief schreibt oder einen Mietvertrag abschließt. Dies sind jetzt Einzelbeispiele, ich könnte das noch weiter führen, der Lese- und Abiturkanon besteht zu 80 % darin, die alten Meister zu ergründen. Klar, die haben immer noch was zu sagen, aber es gibt so viel moderne Köpfe, die jungen Leuten vielleicht näher stehen.
3. Eine konstruktive Verbindung herstellen zwischen Schule und Arbeitswelt. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn die Wirtschaft Schulabsolventen regelmäßig Armutszeugnisse ausstellt. Dies hat dann wohl auch damit zu tun, dass unsere Lehrpläne dem Zeitgeist hinterher hinken.


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#9

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 22.06.2017 22:18
von Luftdrache (gelöscht)
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Hallo moorhuhn,

Zitat von moorhuhn im Beitrag #8
Ich gehe mal nicht davon aus, dass du "vom Fach" bist, und mehr aus der Vogelperspektive spezifische Sachverhalte aus Didaktik, Methodik und Schulpolitik betrachtest.


Ich danke dir für deine Antwort. Es freut mich, heute wieder von dir lesen zu können.
Zuerst einmal eine Hypothese von dir. Was, wenn ich vom Berufsstande Lehrer wäre? Würdest du meine Argumente anders wahrnehmen? Und auch die Vogelperspektive, als der Blick auf das große Ganze ist in einer arbeitsteiligen und spezialistierten Berufswelt ein ungeheurer Luxus. Wer kann sich den schon leisten?
Aber du hast Recht: Nein, ich bin wirklich kein Lehrer. Umso interessanter ist es, in der Diskussion auch die Sorgen und Nöte deines Berufsstandes kennen zu lernen. Jeder schaut letztlich auch ein wenig durch die Brille seiner eigenen Profession. Auch wenn wir vielleicht an der einen oder anderen Stelle konträre Auffassungen haben, finde ich es super mit dir diskutieren zu dürfen :)

Zitat

Der Aufwand für einen qualitätsorientierten Projektunterricht bzw. offenen Unterricht ist schon ein Kriterium/Argument für die Entscheidung dafür oder für den Frontalunterricht. Jeder Lernbereich/jedes Thema hat ein Ziel in den Bereichen Wissen, Sozialkompetenz und wissenschaftlichen Fähigkeiten. Ich schrieb es bereits, dass bei diesen Zielen genaue Vorgaben seitens des Gesetzgebers die Rahmenrichtlinien bilden.Ein Konzept für ein Unterrichtsthema, das im Frontalunterricht entwickelt wird, braucht definitiv weniger Zeit und Aufwand als in offener Form, wobei ich schon immer die Mischform favorisiere, welche im übrigen auch Berufseinsteigern im Referendariat oder in den Praktikas vermittelt wird. Insofern ist die Wahrnehmung, dass Frontalunterricht offenen Lernmethoden den Rang abläuft noch zu beweisen.



Ja, natürlich. Du musst drauf achten, den Lehrplan auch über das Schuljahr vermitteln zu können. Das du dazu verschiedenste Unterrichtsmethoden einsetzt, mit unterschiedlichem Zeitaufwand, ist durchaus sehr verständlich. Egal welcher Beruf, nach Zeit, Aufwand und Qualitätserwägungen würde jeder die Wahl seiner Methodik bzw. allgemeiner formuliert seines Handwerkszeuges abwägen.
Du hast einen Aspekt aber nicht weitergedacht: Was könnte denn anders sein, wenn eine gute Fee käme und dir und deiner Schule mehr Zeit und Ressourcen schenken würde? Ich gebe zu, diese Frage ist eine Freiheit des „Blicks von Oben“.

Zitat

Ich unterrichte seit Jahren im Blockunterricht- 90 Minuten, die geprägt sind von zahlreichen Methoden, je nach pädagogischem Ziel. Und eines muss man immer bedenken, egal, welche Methode angewandt wird, alle Schüler werden am Ende nie schlauer sein, eine Erkenntnis, die man nur verstehen kann, wenn man dicht am Geschehen dran ist und realistische Gegebenheiten akzeptiert.



Ich denke es ist Zweiteres. Das Akzeptieren, dass die über die Bildungspolitik gesetzten Bedingungen so sind, wie sie sind. Trotzdem ist dies nicht vom Standpunkt des Kindes aus gedacht.

Zitat
Dennoch würde ich mir für ein modernes Bildungssystem einige Veränderungen wünschen:1.Gezielte und differenzierte Schulformen schaffen und mit fähigem Personal ausstatten- was nützt der Ruf nach Inklusion und Integration, wenn sich der Autist und der ADHS- Schüler zusammen mit weiteren 26 Schülern über den Schultag quälen, weil eine "normal" ausgebildete Lehrkraft keine Chance hat, sich auch nur um die Hälfte der Kinder individuell zu kümmern!



An diesem Punkt bin ich eher unentschieden. Ich kann deine Argumentation gut verstehen. Sie ist schlüssig und entspricht sicher auch deinem Erleben in der Schulpraxis. Andererseits ist eine normale gesellschaftliche Teilhabe ein hohes und schützenswertes Gut.
Fehlt nicht vielleicht auch eine Art „Inklusionsbegleiter“, der seine Schützlinge genau kennt und Schulen, Kindergärten oder auch Ausbildungsbetriebe und Hochschulen beraten kann, wie es ihnen im Einzelfall gelingt, passend Inklusion umzusetzen?
Ja, ich weis, die Inklusion ist nur schwer zu erreichen. Aber für viele Menschen eben auch nicht unmöglich.

Zitat
Entschlackung der Lehrpläne und Schwerpunkt setzen auf politische und ethisch, moralische Bildung. Ist nicht gewollt, Ethik ist in Klasse 5 und 6 ein Ein-Stundenfach, danach 2 Stunden, politische Bildung beginnt in Klasse 9 mit 2 Wochenstunden. Ca. 50% meines Unterrichts verbringe ich aber damit, Sozialarbeit zu leisten.



Verzeih mir, echte Sozialarbeit leistet ein Sozialarbeiter, kein Lehrer. Genau so wie der Lehrer echten Unterricht leistet, nicht der Sozialarbeiter.
Eine Bekannte von mir gibt in NRW den Lehrern in der Weiterbildung „Nachhilfe“, wie mit sozialen Problemen umzugehen ist. Es erschreckt sie auch jedes mal, dass dass gerade „Basic's“ wie Beratungsmethodiken aber auch Grundwissen über soziale Ungleichheit und ihre Struktur vielen Lehrern nicht bekannt sind.
Der Schuster soll bei seinen Leisten bleiben. Einigen wir uns darauf, dass dies auch für alle anderen Professionen gilt?

Ich finde die Philosophie eine durchaus interessante Alternative zum Ethik – Unterricht. Kinder sind letztlich doch die größten Philosophen. Der Ethik-Unterricht ist auch eine gute Möglichkeit. Hier bin ich ganz bei dir.

Zitat

2. In der Oberstufe lernen unsere Kinder, wie Gedichte interpretiert werden und dass Goethe in Italien weilte, nicht aber, wie man einen Brief schreibt oder einen Mietvertrag abschließt. Dies sind jetzt Einzelbeispiele, ich könnte das noch weiter führen, der Lese- und Abiturkanon besteht zu 80 % darin, die alten Meister zu ergründen. Klar, die haben immer noch was zu sagen, aber es gibt so viel moderne Köpfe, die jungen Leuten vielleicht näher stehen.



Du sprichst die lebenspraktischen Fähigkeiten an – ein sehr gutes Argument!
Wie weit geht es? Geht es hier nur um die Fähigkeiten einer selbstständigen Lebensführung? Oder geht es noch weiter um die Verbindung mit beruflichen Themen?

Zitat

3. Eine konstruktive Verbindung herstellen zwischen Schule und Arbeitswelt. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn die Wirtschaft Schulabsolventen regelmäßig Armutszeugnisse ausstellt. Dies hat dann wohl auch damit zu tun, dass unsere Lehrpläne dem Zeitgeist hinterher hinken.



Und damit kommt die notwendige Folgefrage: Was hälst du von Humboldt's Grundsatz der „zweckfreien Bildung“? Was ist z.B. mit dem Recht, auch ohne Englischkenntnisse durch sein Leben gehen zu dürfen? Und degradiert es die Bildung nicht zu einem schnöden Werkzeug, wenn sie sich doch nur den Interessen der Wirtschaft unterordnet?
Versteh die Fragen bitte nicht falsch, ich halte den Einblick in die Berufswelt für eine wichtige und wertvolle Vorbereitung auf das Leben nach dem Schulabschluss. Ich kritisiere aber die Ökonomisierung von Schulbildung.


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#10

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 22.06.2017 23:38
von moorhuhn | 1.486 Beiträge

Oh je, wieder kein ausgeschlafener Lehrer morgen

"Was, wenn ich vom Berufsstande Lehrer wäre? Würdest du meine Argumente anders wahrnehmen? "
Die Frage stellt sich gar nicht, weil ein Lehrer diese Argumente/Einwände nicht gebracht hätte.

"Was könnte denn anders sein, wenn eine gute Fee käme und dir und deiner Schule mehr Zeit und Ressourcen schenken würde? "
Ich würde weiter machen wie bisher und die Zeit und die Ressourcen optimal nutzen, um möglichst alle Schüler zur Erkenntnis zu führen.

"Fehlt nicht vielleicht auch eine Art „Inklusionsbegleiter“, der seine Schützlinge genau kennt und Schulen, Kindergärten oder auch Ausbildungsbetriebe und Hochschulen beraten kann, wie es ihnen im Einzelfall gelingt, passend Inklusion umzusetzen?"

Den bringt mir dann auch die gute Fee. In der Realität gibt es solche Begleiter nur sehr vereinzelt und auch in sehr unterschiedlicher Kompetenz. Das Verfahren, ein Kind in diesen "Integrationsstatus" zu bringen, dauert ca. 10 Monate, danach schaut,wenn man Glück hat, alle 2 Wochen mal ein Begleiter vorbei. In der Regel gibt es ein psychologisches Gutachten mit dem Ergebnis, dass eine medikamentöse Therapie eingeleitet wurde und der Schüler bei akutem Fehlverhalten von den Eltern abgeholt werden muss. Eine Reduzierung der Klassenstärke von 28 auf 24 erfolgt erst, wenn mindestens 4 Schüler mit Integrationsstatus in der Klasse verweilen- das will keiner!

"Verzeih mir, echte Sozialarbeit leistet ein Sozialarbeiter, kein Lehrer. Genau so wie der Lehrer echten Unterricht leistet, nicht der Sozialarbeiter."

Ich verzeihe dir das sofort, die Realität sieht aber anders aus, siehe oben "Was, wenn ich vom Berufsstande Lehrer wäre? Würdest du meine Argumente anders wahrnehmen? "

Es ist ein großes Dilemma, ich möchte so gern einfach meinen Job machen, der in meinem Arbeitsvertrag ausgeschrieben ist, mit vielen Ideen, Kreativität und Vielfalt. Allerdings gehen von 90 Minuten mindestens 30 für Streitschlichtung und Grundsatzdiskussionen drauf. Hinterher beschäftigen mich Telefonate mit Eltern, Krisengespräche mit Kollegen und weiterführende Entscheidungen zu Konsequenzen und Sanktionen.

"Geht es hier nur um die Fähigkeiten einer selbstständigen Lebensführung? "
"Was hälst du von Humboldt's Grundsatz der „zweckfreien Bildung“? "

Was heißt "nur"?
Der Bildungsauftrag lautet sinngemäß, junge Menschen für das Leben fit zu machen und das muss oberste Priorität haben.
Meine Kritik an den überfrachteten Lehrplänen, in denen sehr viel "zweckfreie Bildung" vorhanden ist, begründet sich auch darin, dass junge Menschen in ihrer Schulzeit intelektuell und erfahrungsgemäß oft noch gar nicht in der Lage sind, einen Faust, einen Schopenhauer oder andere komplizierte Sachverhalte zu verinnerlichen, dass sie Vektor- und Integralrechnung im Leben nie wieder brauchen.
Klar, ein Gymnasium verleiht den höchsten Bildungsabschluss, und Allgemeinbildung, Kultur und feine Künste sind wichtig, was fängt man damit an?
Gute Nacht


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#11

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 23.06.2017 13:41
von Luftdrache (gelöscht)
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Hallo moorhuhn,

ich hoffe, der fehlende Schlaf ist nur dem Interesse an diesem Thema geschuldet und nicht dem Ärger.

Zitat von moorhuhn im Beitrag #10
"Was, wenn ich vom Berufsstande Lehrer wäre? Würdest du meine Argumente anders wahrnehmen? "Die Frage stellt sich gar nicht, weil ein Lehrer diese Argumente/Einwände nicht gebracht hätte.


Ist die Antwort nicht ein wenig einfach? Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Lehrer an z.B. reformpädagogigsch ausgerichteten Alternativschulen mindestens ähnliche Kritik äußern würden. Auch wenn heute nicht die Hochzeit für diese Pädagogik ist, ist auch heute nicht alles Regelschulsystem.

Zitat

Den bringt mir dann auch die gute Fee. In der Realität gibt es solche Begleiter nur sehr vereinzelt und auch in sehr unterschiedlicher Kompetenz. Das Verfahren, ein Kind in diesen "Integrationsstatus" zu bringen, dauert ca. 10 Monate, danach schaut,wenn man Glück hat, alle 2 Wochen mal ein Begleiter vorbei. In der Regel gibt es ein psychologisches Gutachten mit dem Ergebnis, dass eine medikamentöse Therapie eingeleitet wurde und der Schüler bei akutem Fehlverhalten von den Eltern abgeholt werden muss.



Warum den nicht? Gute Feen sind dafür da, gute Wünsche zu erfüllen. Und auch als Lehrerin wirst du doch ein wenig träumen dürfen? :) Bei dir lese ich hier viel Interesse an deiner Klasse und viel persönliches Engagement heraus.
Mit dem I-Status ist es so eine Sache. Einerseits wird er für den Einsatz von Schulbegleitern benötigt, andererseits ist er auch ein Stempel – und möglicherweise auch eine Stigmatisierung - , der einem Kind aufgedrückt wird.
Was für eine Art Begleiter kommt den bei euch in der Schule vorbei? Und mit welchem Aufgabenzuschnitt? Es gibt ja durchaus deutliche regionale Unterschiede, wie Hilfesysteme ausgestaltet sind.

Zitat
Eine Reduzierung der Klassenstärke von 28 auf 24 erfolgt erst, wenn mindestens 4 Schüler mit Integrationsstatus in der Klasse verweilen- das will keiner!



Klingt irgendwo auch nicht nach einer wirklich großen Entlastung.

Zitat
"Verzeih mir, echte Sozialarbeit leistet ein Sozialarbeiter, kein Lehrer. Genau so wie der Lehrer echten Unterricht leistet, nicht der Sozialarbeiter."Ich verzeihe dir das sofort, die Realität sieht aber anders aus, siehe oben.

Vielleicht belassen wir es an dieser Stelle einfach dabei. Beide Professionen haben ihre besonderen Stärken und werden gebraucht.

[quote]Es ist ein großes Dilemma, ich möchte so gern einfach meinen Job machen, der in meinem Arbeitsvertrag ausgeschrieben ist, mit vielen Ideen, Kreativität und Vielfalt. Allerdings gehen von 90 Minuten mindestens 30 für Streitschlichtung und Grundsatzdiskussionen drauf. Hinterher beschäftigen mich Telefonate mit Eltern, Krisengespräche mit Kollegen und weiterführende Entscheidungen zu Konsequenzen und Sanktionen.



Du warst am Gymnasium, richtig? Dann gibt es entsprechend auch keine Schulsozialarbeit.
Ich verstehe durchaus, was du meinst. Letztlich bist du in deinem Job mit einem Anspruch an dich selbst und deine Fachlichkeit angetreten. Klar, dass du dem gerecht werden willst.
Hier fände ich die Frage interessant: Was fehlt dir in der Schule?

Zitat

Was hälst du von Humboldt's Grundsatz der „zweckfreien Bildung“? "Was heißt "nur"? Der Bildungsauftrag lautet sinngemäß, junge Menschen für das Leben fit zu machen und das muss oberste Priorität haben.Meine Kritik an den überfrachteten Lehrplänen, in denen sehr viel "zweckfreie Bildung" vorhanden ist, begründet sich auch darin, dass junge Menschen in ihrer Schulzeit intelektuell und erfahrungsgemäß oft noch gar nicht in der Lage sind, einen Faust, einen Schopenhauer oder andere komplizierte Sachverhalte zu verinnerlichen, dass sie Vektor- und Integralrechnung im Leben nie wieder brauchen.



Vermutlich nicht. Andererseits ist bei Belegung der Fächer ja auch nicht klar, welchen beruflichen Weg der Schüler zukünftig einschlagen wird. Schopenhauer wäre sicherlich etwas für einen zukünftigen Theologen oder Verlagslektor. Die Integralrechnung für einen Ingenieur in der Produktentwicklung.
Nimmst du diese Inhalte aus der Schulbildung heraus, hat das Auswirkungen auf die Hochschulen, die niedriger ansetzen müssten.
Andererseits sollte man nach der Schule wenigstens praktische Dinge wissen, wie welche Auswirkungen es hat, wenn man den Mietvertrag für die erste eigene Wohnung unterschreibt. Eine Kritik, die ja durchaus auch Schüler einbringen.

Was sagst du eigentlich zum Thema Ökonomisierung von Schule?


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#12

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 23.06.2017 16:28
von Thats me | 81 Beiträge

Zitat
[*] Welcher Bildungsbegriff sollte das Schulwesen prägen?


Kontemplation der Korrelation von Theorie und Praxis und Körper und Geist.

Zitat
Geht es um die Aneignung von Fertigkeiten für den Beruf,


Primär nicht, dafür ist die Berufsausbildung da. Die Schule kann nur ein gewisses Spektrum Grundwissen vermitteln.
Was jedoch nicht ausschließt, dieses bei Spezialisierung in höheren Klassenstufen zu ergänzen.

Zitat
geht es um den humanistischen Bildungsbegriff Humboldt's


Seinen Ansatz finde jedenfalls gut und richtig

Zitat
oder geht es um einen anderen Bildungsbegriff?


Nicht wirklich. Sein Bildungsideal deckt eigentlich alles wichtige ab. Zumindest fällt mir spontan nichts ergänzendes ein.

Zitat
[*] Sollte die Gesamtschule Regelschule werden?


Ja, aber nur iVm einem passenden Bildungskonzept. Die jetzige Schulform, die Bedingungen und üblich praktizierte Pädagogik ist dafür ungeeignet.

Zitat
[*] Wie gestalten sich gute Übergänge zwischen allgemein- und berufsbildenden Schulen?


Ich gehe von einem gänzlich anderen pädagogischen Konzept aus, welches ich später noch anreißen kann, daher zunächst grob Allgemeines:
Klassenübergreifende Grundstufe bis ca. 6-7 Klasse, ab da Sekundarstufe bis ca. 9-10 Klasse und Wahl zwischen allgemeinbildenden oder einer spezialisierten Stufe mit bestimmten Schwerpunkten. Danach, da idR Ende der Schulpflicht erreicht ist, fakultativ ein Äquivalent zum jetzigen Gymnasium mit gezielter Vorbereitung auf Fachschulausbildung oder Studium, entweder schwerpunktbezogen, oder allgemeinbildend.
Somit gäbe es nur 2, statt 3 verschiedene Schulabschlüsse.

Zitat
[*] Ist die Lehrerausbildung an den Universitäten noch auf der Höhe der Zeit?


Ich kann nur von einer Bekannten aus B-W berichten und wie es ca. 1995-2000 war. Da kommt die Dialektik viel zu kurz, konnte aber zusätzlich gewählt werden, war aber eine Zusatzbelastung. Die Ausbildungszeit war auch zu kurz und versch. pädagogische Konzepte wurden nicht wirklich vermittelt. Es ging primär um reine Wissensvermittlung. Schulunterricht wurde dann im Referendariat gelernt und orientierte sich dementsprechend an den Methoden des Mentors.
Jedenfalls schien die Ausbildung qualitativ nicht überzeugend.

Zitat
Warum gibt es im Verhältnis noch so viel Frontalunterricht in den Schulen?


Kann ich nicht beurteilen, ob das wirklich noch so krass ist wie in den 70er und 80ern, zumal mein Sohn (24 J.) auf einer Regelschule war, die nach Montessori arbeitete. Ich habe aber den Eindruck, dass sich da viel getan hat. Das begann schon Mitte-Ende der 90er.
Frontalunterricht ist nicht so arbeitsintensiv, hat keine so hohe didakitsche, organisatorische und gruppendynamische Anforderungen.

Zitat
[*] Welche Rolle sollten die verschiedenen alternativen Schulformen im Bildungswesens spielen?


Eine sehr große, bzw. eine grundlegende Reform. Auch ist der Förderalismus hier sehr hinderlich. Gerade in Bezug auf die wachsenden Anforderungen bezüglich Flexibilität und Mobilität auf dem Arbeitsmarkt, die Ortswechsel erfordern können.

Zitat
[*] Ist das Bildungswesen ausreichend finanziert?


Nein, ganz und gar nicht, obwohl das seit mehr als 40 J immer wieder behauptet und uns vorgegaukelt, um nicht zu sagen vorgelogen wird. DE liegt lt. Statistik schon immer unter EU-Durchschnitt. Und erschreckender weise auch schlechter als in wesentlich ärmeren EU-Ländern.

Zitat
[*]Was benötigt ein zukunftsfähiges und sozial gerechtes Bildungswesen?


Oh je, die Liste wird aber lang ;)
Auf die Schnelle, per Brainstorming:
Kleinerer Klassenteiler, bessere Ausstattung, mehr Praxisbezug, mehr Orientierung und Vorbereitung aufs tägliche Leben, stärkere Berücksichtigung der Teilbegabungen, gänzlich andere Motivations- und Kommunikationsmethoden, keine Wertung der Person an Hand ihrer Leistungen, Medienkompetenz, Achtsamkeitsübungen (Letzteres klingt blöd, dazu später mehr), neue pädagogische und didaktische Methoden....

Ich hatte vor Jahren mal ein grobes Konzept erstellt, wie ich mir Schule vorstelle. Mal sehen ob ich es wieder finde, sofern es überhaupt jemanden interessiert.


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#13

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 23.06.2017 16:49
von Thats me | 81 Beiträge

Ich lese jetzt erst eure Beiträge durch.
Zum Thema Inklusion. Das geht nur mit Fachpersonal. Es müssen m.E zwingend Ergotherapeuten und Sonderschullehrer zusätzlich zum "normalen" Lehrer in jeder Klasse dabei sein.
Es gibt zwar Lehrgänge, die sich Inklusionsassistent nennen, aber wie gut und ausreichend das ist, weiß ich nicht wirklich. Das Curriculum sah ganz gut aus.

Aktuell wird Inklusion m.W so "gelöst", indem unterbezahlte Schulbegleiter im Unterricht mit dabei sind.
Auch werden Lehrer teilweise auf Weiterbildungen geschickt und bekommen diese mega Zusatzaufgabe der Inklusion auch noch aufgebrummt. Das ist nicht zu schaffen!! und eine Unverschämtheit. Die haben/hatten in B-W eh schon eine regelm. Arbeitszeit von 42 Std. wö.
Mag sein auf einer Grundschule auf dem Land mit 10 Schülern, aber auf keinen Fall in einer Großstadt und "Brennpunkt" Schule.
Das ist auch, denke ich @Kammerjäger unser @moorhuhn meinte, mit Sozialarbeit.
Die Kinder sind sehr unterschiedlich und - ich nenne es Mal - "prekär sozialisiert", da ist ein guter Unterricht sehr erschwert. Die Kids müssen erst mal auf Spur gebracht werden und grundlegende, soziale Verhaltensweisen vermittelt bekommen.



zuletzt bearbeitet 23.06.2017 16:50 | nach oben springen

#14

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 23.06.2017 18:37
von moorhuhn | 1.486 Beiträge

Vorab ein großer Dank an Thats me, deren/dessen Ausführungen zu vielen Fragen ich mich anschließen möchte.

Einige Bemerkungen noch zur Inklusion, den Schulbegleitern und ökonomisierter Schule:

Ich kann nur vom Prozedere in Sachsen sprechen, aber wie es scheint, kämpfen andere BL genauso mit dem Umstand, dass bei Inklusion das Pferd von hinten aufgezäumt wurde, indem keine strukturellen und personellen Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Bis heute dümpelt man vor sich, ungefähr so, wie Thats me das beschrieben hat. Die Schulbegleiter tauchen allenfalls 1 mal in der Woche auf, hinterlassen aber freundliche Nachrichten im Lehrerzimmer, "ruft mich auf dem Handy an, wenn was ist." Schulsozialarbeit gibt es bei uns auch am Gymnasium, allerdings werden die Kollegen wohl nach dem Gießkannenprinzip an die Schulen verteilt, habe ich noch nicht vollständig erforschen können, nach welchen Kriterien man da Planstellen besetzt.
Kurz, die wenigen Mitstreiter aus dem sozial-psychologischen Sektor sind nicht wirklich eine Hilfe, vor allem, wenn es darum geht, qualifizierten Fachunterricht zu gewährleisten. Wie geschrieben, kontinuierliches Lernen muss immer wieder sozialen Interaktionen weichen, was auf Dauer für alle Beteiligten zu Frust und Demotivation führt. An dieser Stelle wäre mein größter Wunsch überschaubare Lerngruppen mit max. 15 Schülern zu unterrichten. Ich durfte diesen paradiesischen Zustand im vergangenen Schuljahr mal als Vertretungslehrer genießen, es war eine große Freude. In kleinerem Rahmen ist "Sozialarbeit" und Fachunterricht machbar, da man viel differenzierter und individueller auf die Schüler eingehen kann. In einer konzentrierten und ruhigen Arbeitsatmosphäre ergeben sich zudem viel weniger Spannungen und Ablenkungen, da ich immer sehr schnell mit neuen Aufträgen reagieren oder den Streithähnen vorübergehend Einzelplätze zuweisen kann.

Damit wären wir bei Ökonomisierung.
Ich gehe mal davon aus, dass du die Privatschulen meinst?
Ich habe dazu eine ambivalente Einstellung. Dafür sprechen natürlich die guten strukturellen Arbeitsbedingungen und wie oben beschrieben, die damit einhergehenden Differenzierungsmöglichkeiten. Auch die weniger bürokratisch angehauchten und methodisch-pädagogisch offeneren Konzepte/Schulprogramme sind eine gute Sache.
Allerdings ist letzterem entgegen zu halten, dass auch in der staatlichen Schule Raum und Personal für kreativen, differenzierten und schülerorientierten Unterricht vorhanden ist. Nur eben die Bedingungen stimmen nicht. Insofern läuft es wieder auf die Drei-Klassengesellschaft hinaus und verhindert Chancengleichheit. Ich kenne Privatschulen, da werden z.B. Schüler mit Betragen 4 nicht aufgenommen, man will dort schon jegliche anstehende Sozialarbeit im Keim ersticken.
Ein weiteres Problem ist, dass Eltern häufig glauben, dass kostenpflichtiger Unterricht ihre manchmal eben nicht so begabten Sprösslinge in kleine Einsteins verwandelt. Wenn das dann nicht funktioniert, kommt schon mal die Ansage: "Wofür bezahle ich sie eigentlich?" Der Druck, der in Privatschulen auf dem Lehrpersonal lastet, ist schon nicht zu verachten. Deshalb bleib ich in meiner Trutzburg, schimpfe immer mal auf das System und mache das Beste draus Und übrigens, es sind Sommerferien


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#15

RE: Bildungswesen - Reformstau und offene Fragen

in Schule und Bildung 23.06.2017 19:40
von Thats me | 81 Beiträge

Zitat von moorhuhn im Beitrag #14
überschaubare Lerngruppen mit max. 15 Schülern zu unterrichten.

Das halte ich auch für machbar und eine ganz gute Gruppengröße.

Mein Modell sieht - neben einer totalen Überarbeitung des Lehrplans - u.A. vor, dass es offene Klassen und Stundenpläne gibt, wo die Kids wählen können, welches Fach sie besuchen. Eine Art Wochenplan, der abgearbeitet werden muss und zusätzlich fakultative Unterrichtsfächer. Also nicht ganz so frei, wie es z. B. das Konzept Montessori vorsieht, wo die Kids nur das lernen, was sie möchten.
Auch das klassenübergreifende finde ich sehr wichtig. Da wird der Stoff dem Leistungs- und (partiellem) Entwicklungsstand und Fähigkeiten/Talente des Kindes mehr gerecht. Zudem lernen Kinder von Kindern idR viel besser.
Viele Ansätze von Montessori würden in die Unterrichtsgestaltung und -materialien einfließen.
Denn sie haben einen neurologisch und therapeutischen Ansatz in Bezug auf Wahrnehmung und effektives Lernen (alle Sinne beteiligen, lernen durch begreifen) und auch entwicklungspsychologisch. @Luftdrache hatte es schon angesprochen.

Zitat
Damit wären wir bei Ökonomisierung.
Ich gehe mal davon aus, dass du die Privatschulen meinst?


Nein, so stelle ich mir ein modernes Schulsystem vor. Also eine staatliche Schule.

Zitat
Auch die weniger bürokratisch angehauchten und methodisch-pädagogisch offeneren Konzepte/Schulprogramme sind eine gute Sache.
Allerdings ist letzterem entgegen zu halten, dass auch in der staatlichen Schule Raum und Personal für kreativen, differenzierten und schülerorientierten Unterricht vorhanden ist.

Verstehe ich nicht. Nur weil da an manchen Schulen oder in div. Bundesländern gewisse Kapazitäten vorhanden sind, ist das doch noch lange nicht ausreichend und mit Sicherheit auch verbesserungs- und ausbaufähig.

Zitat

Nur eben die Bedingungen stimmen nicht. Insofern läuft es wieder auf die Drei-Klassengesellschaft hinaus und verhindert Chancengleichheit.

Ein Grund mehr, da umfangreich um zu denken und um zu steuern.

Zitat

Ein weiteres Problem ist, dass Eltern häufig glauben, dass kostenpflichtiger Unterricht ihre manchmal eben nicht so begabten Sprösslinge in kleine Einsteins verwandelt. Wenn das dann nicht funktioniert, kommt schon mal die Ansage: "Wofür bezahle ich sie eigentlich?" Der Druck, der in Privatschulen auf dem Lehrpersonal lastet, ist schon nicht zu verachten.

Das ist aber deren Problem. Das ist nicht wirklich mein Thema, da Privatschulen immer etwas elitäres haben. Dann kann man auch erwarten, dass die entsprechende Konzepte für entsprechendes Klientel haben.

Zitat
Deshalb bleib ich in meiner Trutzburg, schimpfe immer mal auf das System und mache das Beste draus Und übrigens, es sind Sommerferien


Das ist gut so! Genieße sie und erhole dich. Engagierte Lehrer haben allerdings nicht unbedingt die ganzen Ferien Ferien :( Die müssen da evtl. noch arbeiten.
--------------
Ich muss vorausschicken, dass ich absolut gegen Religionsunterricht bin und konfessionslose staatliche Schulen möchte.

Was bei mir unbedingt in den Lehrplan käme und z. T. auch schon in unteren Klassen begonnen werden kann, wäre:
Kommunikationslehre, Entwicklungspsychologie und Psychologie, Pädagogik, Philosophie/Ethik, Medien, Soziologie, Bionik, Informatik, Recht, Politik..(Einige dieser Fächer gibt es ja schon.)
(Methodik und Didaktik)
Lebensnahen Bezug, dass gelehrt wird Dinge zu hinterfragen, man systematisch an Dinge herangehen und zu analysieren lernt. Dass die Phantasie angeregt wird und man auch mal um die Ecke denkt, dass unkonventionelles Denken ausprobiert und erlaubt wird.
Weg vom reinen Ansammeln von Informationen hin zum verknüpfen, umsetzen, veranschaulichen und anwenden von Informationen.
Ach ich könnte da noch einiges aufzählen.



zuletzt bearbeitet 23.06.2017 19:43 | nach oben springen


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