#16

RE: Gedichte

in Gedichte 21.02.2018 11:21
von Anthea | 13.432 Beiträge

Hermann Hesse, wie ich finde: ein beeindruckendes Gedicht!

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

---


Um das Herz und den Verstand eines anderen Menschen zu verstehen, schaue nicht darauf, was er erreicht hat, sondern wonach er sich sehnt. (Khalil Gibran)
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#17

RE: Gedichte

in Gedichte 12.07.2018 15:00
von grimmstone | 478 Beiträge

Und der Mund mein Mund
sein Mund...!
ein Gitterweiß
hält dich,
die kurze Weile.

Augenknopf-
blind
das Wort:
und schon
fällt das Licht
ins Schloß.


Erich Arendt


Bitte hier unterschreiben: https://abruesten.jetzt


zuletzt bearbeitet 12.07.2018 15:01 | nach oben springen

#18

RE: Gedichte

in Gedichte 18.11.2018 10:13
von Anthea | 13.432 Beiträge

So viele Dinge liegen aufgerissen
von raschen Händen, die sich auf der Suche
nach dir verspäteten: sie wollen wissen.

Und manchmal in einem alten Buche
ein unbegreiflich Dunkles angestrichen.
Da warst du einst. Wo bist du hin entwichen?

Hielt einer dich, so hast du ihn zerbrochen,
sein Herz blieb offen, und du warst nicht drin;
hat je ein Redender zu dir gesprochen,
so war es atemlos: Wo gehst du hin?

Auch mir geschahs. Nur daß ich dich nicht frage.
Ich diene nur und dränge mich um nichts.
Ich halte, wartend, meines Angesichts
williges Schauen in den Wind der Tage
und klage den Nächten nicht ...
(da ich sie wissen seh).

Rainer Maria Rilke


Um das Herz und den Verstand eines anderen Menschen zu verstehen, schaue nicht darauf, was er erreicht hat, sondern wonach er sich sehnt. (Khalil Gibran)
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#19

RE: Gedichte

in Gedichte 27.01.2019 17:17
von grimmstone | 478 Beiträge

An den Mond

Wandre unermüdlich,
Lass den Kopf nicht hängen,
Die Fürsorge des Herrn ist groß.
Gib der Erde, die sich unter dir
Ausdehnt, dein sanftes Lächeln;
Sing den Gletschern, die aus den Himmeln
Hängen, ein Wiegenlied.
Du sollst wissen: Ein Unterdrückter,
Niedergestreckt zur Erde,
Strebt wieder zur Höhe der reinen Berge,
Wenn die Hoffnung ihn erhebt.
Lieblicher Mond, so schimmre nun,
Wie früher, durch die Wolken;
Lass in dem nachtblauen Gewölbe
Deine Strahlen spielen.
Ich aber knöpfe meine Weste auf
Und werfe meine Brust dem Mond entgegen;
Mit ausgestreckten Armen werde ich
Den Spender des Lichts auf der Erde verehren.

Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili (Stalin)


Die meisten Ruinen haben zwei Beine.
http://nachtschichten.eu
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#20

RE: Gedichte

in Gedichte 27.01.2019 17:29
von Anthea | 13.432 Beiträge

Oh, wie schön.
Hätte man Stalin gar nicht zugetraut.... Ist dann so zu sehen wie "Zwei Seelen wohnten ach in seiner Brust...."
Diejenige, die ein solches Gedicht verfassen konnte, gefällt mir besser.

----


Ich bin der Wahrheit verpflichtet, wie ich sie jeden Tag erkenne, und nicht der Beständigkeit.
Mahatma Gandhi
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#21

RE: Gedichte

in Gedichte 28.01.2019 15:00
von denker_1 | 1.644 Beiträge

Ich öffne meine Hand
um sie
dir freudig entgegen zu halten

Ich öffne meine Hand
um dem zu entrinnen,
was sie schließt

Ich öffne meine Hand
damit meine Taube
fliegen kann, zu Dir

Ich öffne meine Hand
um mit dir
wieder Frieden zu schließen

(Petra Wittig)

Sie hat einen Gedichtband veröffentlicht, wo dieses Gedicht enthalten ist.
Die genaue Auflagenhöhe weiß ich nicht. War meine Ex Frundin, die halt wunderbar dichten kann. Beim Spazierengehen immer Stift und Schreibblock mitgehabt und wenn ihr eine Eingebung kann, hat sie das sofort aufgeschrieben. Ich habe sie dann ermutigt, einen Gedichtband zu veröffentlichen. Da ist das obige Gedicht dabei.



zuletzt bearbeitet 28.01.2019 15:28 | nach oben springen

#22

RE: Gedichte

in Gedichte 05.03.2019 18:35
von kuschelgorilla | 3.292 Beiträge

Oh zerfrettelter Grunzwanzling
dein Harngedränge ist für mich
Wie Schnatterfleck auf Bienenstich.
Grupp, ich beschwöre dich
mein punzig Turteldrom.

Und drängel reifig mich mit krinklen Bindelwördeln
Denn sonst werd ich dich rändern in deine Gobberwarzen
Mit meinem Börgelkranze, wart's nur ab!


von Vogon Jeltz


Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen sie doch bitte die anderen.
Findus hat sich bedankt!
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#23

RE: Gedichte

in Gedichte 18.02.2020 17:34
von Hamlets Gummibärchen (gelöscht)
avatar

Paradieslos


Möglicherweise wird es,
vielleicht schon nächste Woche,
einen Ruck geben
und das Paradies wird
sich auf Erden ausbreiten.

Epidemisch,
wie die Spanische Grippe.

Ich aber werde dann darauf bestehen,
in einem kleinen Winkel der Erde,
so wie sie war,
bleiben zu dürfen.

Paradieslos.


"Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den Ursprung des Fortschritts und der Aufklärung" (Thomas Mann, Der Zauberberg)

Man kann aus keiner Mücke einen Elefanten machen, aber jeden Elefanten zur Schnecke.


zuletzt bearbeitet 18.02.2020 17:34 | nach oben springen

#24

RE: Gedichte

in Gedichte 18.02.2020 18:05
von Anthea | 13.432 Beiträge

Sehr schön und nachdenklich stimmend. Einige meiner Gedanken dazu:

Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies wird Wirklichkeit...
Aber dennoch verwehrst du dich...
Da fragt man sich "warum?"
Denn, es soll so bleiben wie es ist - Hölle vielerorts - ist nicht erstrebenswert...
Man gewöhnt sich an alles...
Es sei denn, du hast bereits dein eigenes kleines Paradies in deinem selbst gestalteten Leben gefunden.
Mit Liebe - es kann nicht besser werden.

---


Ich bin der Wahrheit verpflichtet, wie ich sie jeden Tag erkenne, und nicht der Beständigkeit.
Mahatma Gandhi


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#25

RE: Gedichte

in Gedichte 23.04.2026 20:47
von Findus | 3.562 Beiträge

Wer kennt noch die modernen Klassiker?:

John Maynard!
„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich´s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. -

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja, Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. - -

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt's
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt's!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
himmelan aus Kirchen und Kapell'n,

ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Theodor Fontane


Anthea hat sich bedankt!
zuletzt bearbeitet 23.04.2026 20:50 | nach oben springen


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