#1

Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 22.01.2018 15:06
von Anthea | 12.377 Beiträge

Der Meinung war ich immer schon, dass der Besuch eines KZ's zu einem festen Bestandteil des Schulunterrichts gehören sollte!
Die Mehrheit der Bundesländer hat sich jedoch gegen einen Pflichtbesuch ausgesprochen und wollen das den einzelnen Schulen und Lehrern überlassen. Halte ich persönlich nicht für gut.

Gerade angesichts wieder vielfach offen zutrage tretenden, erkennbaren antisemitischen Tendenzen wäre es mEn nicht verkehrt, anschaulich junge Menschen das Grauen vor Augen zu führen, die Unmenschlichkeit, die verbrecherische Haltung, die so nostalgisch und harmlos oftmals rüberkommt. Wenn es von den ihr "Land liebenden Bürgern" heißt: Man wird ja noch mal sagen dürfen. Und früher war alles gar nicht so schlecht.... und wenn der Adolf den Krieg gewonnen hätte... ;-(

In Berlin muss jeder Abiturlehrgang eine Gedenkstätte besuchen, die an den Holocaust erinnert. Aber Gedenkstätten sind zu wenig. "In Bayern und Sachsen ist eine Exkursion zu einem Gedenkort für Opfer des Nationalsozialismus in den Lehrplänen verankert". So heißt es in der RP. Wobei "Gedenkort" natürlich auch wieder auslegbar ist, wie bei Berlin.

"Learning by seeing" müsste die Devise sein. Mit eigenen Augen - ich glaube, nichts ist so nachhaltig und schärft die Beobachtungsgabe junger Menschen für "neubraune Tendenzen".

---


Ist das, was das Herz glaubt, nicht genau so wahr wie das, was das Auge sieht? Khalil Gibran
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#2

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 22.01.2018 15:21
von Till (gelöscht)
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Ein Pflichtbesuch reicht nicht. Das Thema Nationalsozialismus muss auch umfassend im Unterricht behandelt werden; daran hapert es heute nach meiner Einschätzung.
Meine Schulabschlussfahrt führte nach Prag, mit einem Besuch in Theresienstadt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir auf der Rückfahrt über das Erlebte diskutierten. Der Klassenlehrer hat knapp 20 Jahre später die Fahrt mit seiner damaligen Klasse wiederholt. Er war entsetzt, als die Leute sich nicht entblödeten, auf der Rückfahrt "So ein Tag, so wunderschön wie heute" zu singen. Gegen so viel Ignoranz hilft auch ein Pflichtbesuch nicht.


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#3

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 22.01.2018 15:25
von fagussylvatica | 142 Beiträge

Ein Pflichtbesucht nutzt reichlich wenig, wenn das Wissen um die Umstände nicht vorhanden ist. Viel schlimmer noch, wird es rechten Demagogen eine Bühne sein sich und ihre Kinder zu inszenieren. Ich denke das brauchen wir nicht.

Was wir aber dringend brauchen ist ein Geschichtsunterricht der dieses Themen konsequent und allumfassend beleuchtet. Aber diesen gibt es leider nicht einmal mehr in der gymnasialen Schulform. Meine beiden Kinder stehen kurz vor dem Abitur und hatten beide jeweils zwei Halbjahre(!) Geschichtsunterricht. Auf diesem Grundsockel kann man im Normalfall nicht aufbauen. Da helfen auch Pflichtbesuche meiner Ansicht nach keinen Jota weiter.


Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten. -Willy Brandt-
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#4

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 22.01.2018 15:57
von Anthea | 12.377 Beiträge

Zitat von Till im Beitrag #2
Ein Pflichtbesuch reicht nicht. Das Thema Nationalsozialismus muss auch umfassend im Unterricht behandelt werden; daran hapert es heute nach meiner Einschätzung.
Meine Schulabschlussfahrt führte nach Prag, mit einem Besuch in Theresienstadt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir auf der Rückfahrt über das Erlebte diskutierten. Der Klassenlehrer hat knapp 20 Jahre später die Fahrt mit seiner damaligen Klasse wiederholt. Er war entsetzt, als die Leute sich nicht entblödeten, auf der Rückfahrt "So ein Tag, so wunderschön wie heute" zu singen. Gegen so viel Ignoranz hilft auch ein Pflichtbesuch nicht.


Das ist natürlich Grundvoraussetzung!
Die "Aufklärung" über den Nationalsozialismus war bei mir in der Schule sehr dürftig und erging sich eigentlich nur in dem gemeinsamen Besuch des Filmes Anne Frank. Weiterführende Diskussionen darüber gab es nicht.

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Ist das, was das Herz glaubt, nicht genau so wahr wie das, was das Auge sieht? Khalil Gibran
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#5

jüngere deutsche Geschichte

in Schule und Bildung 22.01.2018 17:00
von Jackdaw | 454 Beiträge

Zitat von fagussylvatica im Beitrag #3
Ein Pflichtbesucht nutzt reichlich wenig, wenn das Wissen um die Umstände nicht vorhanden ist. Viel schlimmer noch, wird es rechten Demagogen eine Bühne sein sich und ihre Kinder zu inszenieren. Ich denke das brauchen wir nicht. […]
"Das Wissen um die Umstände" (Entstehung, Ideologie und Niederschlagung des Nationalsozialismus) sollte angesichts der doch massiven Thematisierung in Film, Fernsehen, selbst der Belletristik, im Comic, im Schulunterricht, im Museum, in öffentlichen Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, im Theater und natürlich auch in der Tageszeitung und seit geraumer Zeit auch in Form jener "Stolpersteine" bzw. Gedenktafeln, die im städtischen Raum vor praktisch jedem historischen bzw. wiederaufgebauten Gebäude zu sehen sind, sollte allerdings flächendeckend mittlerweile vorauszusetzen sein… 

Und in der Tat: Was nützt ein Pflichtbesuch pro Schüler/Schulbesuchszeit? Zumal in jeder einzelnen der zahlreichen Gedenkstätten zwar die Grausamkeit des NS-Regimes und seiner willigen Vollstrecker an ergreifenden Einzelschicksalen dokumentiert bzw. veranschaulicht wird, aber die schiere Menge des Leides bzw. der Leidtragenden den Vorgang in seiner Gesamtheit unvorstellbar erscheinen lässt - und selbst die für eine Schulstunde vielleicht mal angeordnete Lektüre damaliger Zeitungsartikel, um sich in den Alltag und die mediale Gleichschaltung bzw. Lenkungsfunktion "einzustimmen" dürfte kaum genügen, die pädagogisch für folgerichtig gehaltene Wirkung zu erzielen.
Vergessen sollte man auch nicht, dass Schülern von heute auch die jeweiligen Eltern/Lehrer/Großeltern längst nicht mehr als Zeitzeugen jener nun bald 73 Jahre zurückliegenden Epoche zur Verfügung zu stehen. Die heutige Großelterngeneration ist doch eher das "Hossa!" rufende, den Schlagermove und andere Schlaghosenparties bevölkernde Publikum. Und die Elterngeneration kann sich bestenfalls noch vage an Bundeskanzler Helmut Kohl, aber schon nicht mehr an die Zeit der deutschen Teilung erinnern.


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#6

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 22.01.2018 17:32
von antenna (gelöscht)
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Zitat von Anthea im Beitrag #4
Das ist natürlich Grundvoraussetzung!
Die "Aufklärung" über den Nationalsozialismus war bei mir in der Schule sehr dürftig und erging sich eigentlich nur in dem gemeinsamen Besuch des Filmes Anne Frank. Weiterführende Diskussionen darüber gab es nicht.



So aehnlich ist es mir auch ergangen. Im Geschichtsunterricht war der Nationalsozialismus kein Thema, vermutlich wegen der Nazivergangenheit meines Geschichtslehrers. Das Thema wurde im Deutschunterricht von einer jungen Lehrerin mit der Lektuere "Das Brandopfer" von Albrecht Goes diskutiert. Das Buch der Anne Frank durfte man ab dem Alter von 14 Jahren in der Stadtbuecherei ausleihen. Ich habe es bereits ein Jahr vorher gelesen, von meiner aelteren Freundin ausgeliehen.
Waere diese Lektuere Pflicht gewesen, wer weiss, ob ich daran wirklich interessiert gewesen waere.



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#7

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 22.01.2018 18:41
von sagittarius (gelöscht)
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Ob es in der DDR Pflicht war vermag ich nicht zu sagen weiß aber,dass Jugendweiheteilnehmer üblicherweise nach Buchenwald oder Ravensbrück fuhren und dort mit der faschistischen Ära Deutschlands bekannt gemacht wurden.Da die meisten Jugendlichen sich dem Ritus der Jugendweihe unterzogen, haben fast alle die auf dem Gebiet der DDR liegenden KZ`s besucht.


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#8

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 26.01.2018 20:27
von Jackdaw | 454 Beiträge

Zitat von Anthea im Beitrag #1
[…] Gerade angesichts wieder vielfach offen zutrage tretenden, erkennbaren antisemitischen Tendenzen wäre es mEn nicht verkehrt, anschaulich junge Menschen das Grauen vor Augen zu führen […]
Exakt diese Debatte ist ja offenbar kürz von einer Berliner SPD-Staatssekretärin namens Sawsan Chewli angestoßen worden,

Wie heute gerade in der Hamburger Tagespresse zu lesen ist, hat diesbezüglich der Duisburger Pädagoge Burak Yilmaz, der mit Gruppen islamischer Jugendlicher solche Besuche in KZ-Gedenkstätten und dem ehem. Vernichtsungslager Auschwitz durchführt, geantwortet: "Antisemitismus bekämpft man nicht mit einem Crash-Kurs. Es ist diese einfache Sichtweise: Menschen gehen in eine Gedenkstätte und kommen als begeisterte Demokraten wieder heraus – das stimmt so nicht." Und dieser lehrreiche Gruppenausflug wird mit einer dreimonatigen Vorbereitung eingeleitet, während sich ein sechsmonatiges Theaterprojekt anschließt.


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#9

RE: Pflichtbesuch!

in Schule und Bildung 28.01.2018 14:24
von woipe (gelöscht)
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Zitat von fagussylvatica im Beitrag #3
Ein Pflichtbesucht nutzt reichlich wenig, wenn das Wissen um die Umstände nicht vorhanden ist. Viel schlimmer noch, wird es rechten Demagogen eine Bühne sein sich und ihre Kinder zu inszenieren. Ich denke das brauchen wir nicht.

Was wir aber dringend brauchen ist ein Geschichtsunterricht der dieses Themen konsequent und allumfassend beleuchtet. Aber diesen gibt es leider nicht einmal mehr in der gymnasialen Schulform. Meine beiden Kinder stehen kurz vor dem Abitur und hatten beide jeweils zwei Halbjahre(!) Geschichtsunterricht. Auf diesem Grundsockel kann man im Normalfall nicht aufbauen. Da helfen auch Pflichtbesuche meiner Ansicht nach keinen Jota weiter.


deine entgegnung, hinsichtlich der ausnutzbarkeit solcher besuche durch rechte demagogen ist sicher nicht von der hand zu weisen. allerdings würden derlei konfrontationen durchaus möglichkeiten bestehen, diese wieder konstruktiv zu nutzen. eine bessere lehrerausbildung wäre allerdings von nöten. ich sehe dies also nicht ganz so dramatisch wie du.

auch eine entsprechende herangehensweise im unterricht, bei der diese zeit unserer geschichte adäquat abgehandelt wird, ist meines erachtens eine ganz wichtige grundvoraussetzung, damit man besuche in einem kz im schulischen rahmen durchziehen kann. alternativ zu besuchen von konzentrationslagern und ähnlichen einrichtungen gibt es sicher auch noch andere didaktische optionen, die man ergänzend ziehen kann. ich denke zum beispiel an das buch/den film "die welle". so etwas ließe sich auch in abgespeckter form als schauspiel im rahmen einer projektarbeit im unterricht umsetzen. oder so ein beispiel wie es jackdaw in beitrag #8 angeführt hatte, ist sicher auch machbar.

ich denke da an meinen geschichtsunterricht gerne zurück. meine lehrer konnten das thema damals gut aufarbeiten. und auch der besuch des kz dachau war altersgemäß gut durchdacht realisiert worden. so macht das sicher sinn.
ich weiß ja nicht wie die zeit des dritten reiches bei euch in der schule abgehandelt wird und was der lehrplan hergibt. du bist aus nrw, richtig? da sind im vergleich zum lehrplan in bayern doch erhebliche unterschiede. mit meiner erfahrung aus dem bayerischen abi kann ich der anfangsthese absolut zustimmen. ob ich das mit dem wissensstand aus nrw auch täte? vieleicht sollte man so generell in nrw überlegen, dass hier defizite zu tage treten, die endlich mal kompensiert gehören...
irgendwoher kommt der latente rassismus in unserer gesellschaft... dem vorzubeugen wird es endlich mal zeit.


"nichts habe ich mir fester zum grundsatz gemacht, als meine lebensführung nicht nach euren vorurteilen zu gestalten." seneca


zuletzt bearbeitet 28.01.2018 14:32 | nach oben springen


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