Die kürzeste Verbindung zwischen Hamburg und Goethe
Ich wollte heute „Die Vermessung der Welt“ sehen. Einen deutschen Film über zwei deutsche Wissenschaftler. In Deutschland.
Das Goethe-Institut teilte mir allerdings mit:
„Dieser Film ist in deinem Land leider nicht verfügbar.“
Nun bin ich Mathematiker. Probleme dieser Art verlangen nach einer Lösung.
Mein erster Versuch führte mich virtuell nach Nairobi. Schließlich landete ich in Japan. Dort begrüßte mich das deutsche Goethe-Institut plötzlich mit offenen Armen. Mehr noch: Der Film, den ich in Deutschland nicht sehen durfte, kostete mich als frisch eingereisten Japaner exakt 0,00 Euro.
Damit war meine kulturelle Identität endgültig geklärt:
Ich bin jetzt Beutejapaner mit preußisch-französischen Wurzeln, im Exil in einer Klinik in Hamburg.
Dōmo arigatō gozaimasu.
Verbeugung nicht vergessen. Das hatte mir schließlich meine Karate-Sensei Gudrun Hisatake beigebracht.
Humboldt hätte für eine solche Reise Instrumente, Gepäck und vermutlich mehrere Jahre benötigt.
Ich brauchte einen VPN-Server.
Gauß hätte allerdings auch darüber nur den Kopf geschüttelt. Von Hamburg nach Japan zu reisen, um einen deutschen Film anzusehen, wäre ihm entschieden zu umständlich gewesen.
Er hätte die beiden Punkte betrachtet und gesagt:
„Nehmen wir die kürzeste Verbindung.“
Humboldt hätte den Großkreis gewählt:
s = R · θ
Gauß hätte vermutlich noch einmal nachgerechnet und die Sekante durch die Erde genommen:
d = 2R · sin(θ/2)
Denn schließlich gilt:
d < s
Warum also um die Welt reisen, wenn man auch mitten hindurch kann?
Humboldt vermisst die Welt, indem er über sie läuft.
Gauß vermisst sie, ohne aufzustehen.
Und ich umgehe sie mit einem VPN.
Dann drückte ich auf:
„FILM JETZT AUSLEIHEN – 0,00 €“
Manchmal ist angewandte Mathematik sehr befriedigend.