Moin liebe Gemeinde,
hier ist eine Erfahrungen mit meiner Fellnase. Einer von vielen Vorfällen als Kantor.
Erlebnisse als Kantor – Kapitel 7 & 8
Es war ein kalter Sonntagmorgen, als ich beschloss, nicht allein in die Kirche zu gehen. Mein treuer Gefährte – Sir Benno, ein Berner Sennenhund von beinahe klösterlicher Gelassenheit – trottete neben mir her. Er hatte keine Ahnung, was „Liturgie“ bedeutete, aber er kannte die Stille. Und er wusste, wann man sie achtet.
In der Kirche lag er brav unter der Bank. Unsichtbar für die Gemeinde, aufmerksam für mich. Als das Orgelvorspiel verklang und die Liturgie ihren gewohnten Gang nahm, blieb er regungslos. Ein perfekter Kirchenhund – so unscheinbar wie ein stilles Gebet.
Doch dann kam der erste Gemeindegesang.
Ein Choral, der ohnehin schon mit letzter Kraft die Schwelle zur Musik überschritt. Und was dann erklang, war mehr ein Akt der Tapferkeit als des Gesangs: schräge Töne, fragile Einsätze, verirrte Tonhöhen. Es vibrierte in meinem Kopf, wie eine falsch gestimmte Zunge. Ich war nur einen Atemzug vom Tinnitus entfernt.
Sir Benno hob den Kopf. Erst ein Ohr, dann das zweite. Dann die Schnauze. Und dann – setzte er ein. Ein langgezogenes, tiefes Heulen, durchdrungen von klanglicher Aufrichtigkeit. Es war kein Jaulen, kein Bellen. Es war ein gesungener Kommentar. Und ehrlich gesagt: Ich konnte ihn verstehen. Ich wollte fast mitmachen.
Nach dem Gottesdienst war klar: Die Orgel war entlastet, aber Benno stand unter musikalischem Verdacht. Zwar sagte niemand etwas – doch die Blicke waren beredt. Ich wartete, bis die Gemeinde gegangen war, dann schlich ich mit Sir Benno durch die Sakristei. Ein stiller Abgang für den sensibelsten Kritiker der Gemeinde.
Draußen gähnte er, als hätte er seine Pflicht erfüllt. Und das hatte er wohl auch. Denn in einer Welt voller liturgisch korrekter Mittelmäßigkeit hatte er den Mut, nicht mitzusingen – sondern wahrhaftig zu reagieren.
Der Pfarrer, mit gewohnt trockener Ironie, kommentierte später nur:
„Ihr Hund hat eine sehr differenzierte Meinung zum Gemeindegesang, Herr Kantor.“
Ich lächelte. Denn ich wusste: Ich hatte nicht nur einen Hund. Ich hatte einen musikalischen Freund – und vermutlich den ehrlichsten Chorkritiker im ganzen Dekanat.